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Transformative Zusammenarbeit in die Praxis umsetzen: Reflexionen vom World Biodiversity Forum 2026

2. Okt.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Okt.

von Mirjam Steiger und Sierra Deutsch; deutsche Übersetzung überprüft von Norman Backhaus


Wie können verschiedene Wissenssysteme auf Augenhöhe in einen Dialog gebracht werden, wenn auf einen transformativen Wandel hingearbeitet wird? Und wie lassen sich Prinzipien für eine stärker beziehungsorientierte und inklusive Zusammenarbeit in konkrete Forschungspraxis umsetzen?


Am World Biodiversity Forum (WBF) 2026 in Davos veranstaltete das FIRI-Projekt den Workshop „Rethinking Human-Natures: Das Wissen indigener Völker, Praktiker*innen und universitärer Forscher*innen gleichberechtigt für transdisziplinären transformativen Wandel einbeziehen“. Aufbauend auf den Erfahrungen aus der Zusammenarbeit unserer drei Wissensteams (Fachleute für indigene Naturnutzung, Schweizer Naturschutzpraktiker*innen und Hochschulforscher*innen) lud der Workshop die Teilnehmenden dazu ein, mit den im Rahmen des FIRI-Projekts entwickelten Ansätzen zu experimentieren und diese auf ihre eigenen Projekte und Herausforderungen anzuwenden.


Mit dem Three Horizons-Framework auf eine gewünschte Zukunft hinarbeiten

Die Teilnehmenden bildeten drei Gruppen um konkrete Projekte oder Herausforderungen, die sie selbst in den Workshop eingebracht hatten. Eine Gruppe befasste sich mit einem Projekt zum Naturschutz sowie zu sozialen und ökologischen Ungleichheiten in Südafrika, einschließlich Fragen zum Zugang zu Grünflächen, zur Umweltbildung und zum Naturschutz. Eine zweite Gruppe diskutierte die Einbindung von Ayahuasca-Zeremonien in die westliche Medizin. Ihre Diskussion warf weiterreichende Fragen zur extraktiven Forschung, zur Verwestlichung indigenen und lokalen Wissens, zur Anerkennung traditionellen Wissens sowie zu vorherrschenden Vorstellungen von Medizin und psychischer Gesundheit auf. Die dritte Gruppe konzentrierte sich darauf, wie Förderstrukturen für die Forschung zu Biodiversität und Umweltveränderungen angepasst werden könnten, und hinterfragte unter anderem kurze Förderzyklen, disziplinäre Grenzen sowie wessen Wissen und Interessen die Forschungsförderung letztendlich dient.


Um diese Fälle zu untersuchen, arbeiteten die Teilnehmenden zunächst mit dem „Three Horizons Framework“ (3H) und dem „Two-Eyed Seeing“-Ansatz. Wie in unserem vorherigen Blogbeitrag beschrieben (siehe hier), hilft das 3H-Framework Gruppen dabei, eine gewünschte Zukunft zu formulieren, Aspekte der Gegenwart zu identifizieren, die diese Zukunft behindern oder unterstützen, und Innovationen zu erkunden, die den Übergang ermöglichen könnten. Das Durcharbeiten der fünf Schritte bot den Gruppen einen strukturierten Weg, ihre Fälle schrittweise zu erörtern. Ausgehend von den Zukunftsvisionen, die sie sich wünschten, diskutierten sie aktuelle Hindernisse, bestehende „Nischen“ der gewünschten Zukunft, Innovationen, die zur Verbreitung dieser Alternativen beitragen könnten, sowie Elemente der Gegenwart, die es wert sind, weitergeführt zu werden.


Aufbauend auf ihren Zukunftsvisionen griffen die Teilnehmenden anschließend auf das „Two-Eyed Seeing“ zurück, um zu überlegen, wie sie erkennen würden, ob sich diese Zukunftsvisionen tatsächlich verwirklichen lassen. Innerhalb jedes der drei Projekte wurden sie dann gebeten, sich nach Wissensperspektiven (z. B. Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Praxis, Regierung) aufzuteilen. Anschließend wurden sie aufgefordert, folgende Frage zu stellen: Woran werden wir erkennen, dass wir die von uns für die Zukunft identifizierte Situation erreicht haben? Welches wären aus Ihrer Wissensperspektive geeigneteIndikatoren, und wie liessen sich diese bewerten? Im nächsten Schritt wurden die Indikatoren und Bewertungsmethoden zusammengetragen. Dies ermutigte die Teilnehmenden, vielfältige Wege des Erkennens und Bewertensvon Veränderungen in Betracht zu ziehen, anstatt von einem einzigen Verständnis davon auszugehen, wie Fortschritt oder Erfolg aussehen sollten. Im südafrikanischen Projekt umfassten die Indikatoren beispielsweise „gleiche Arten in Grünflächen sowohl in wohlhabenden als auch in ärmeren Gebieten“ und „demokratischere Entscheidungsfindung und Bürgerbeteiligung beim Naturschutz“.


Von PPMs zu Möglichkeiten

Im zweiten Teil des Workshops stellten wir den Teilnehmenden eine aktualisierte Version der im Rahmen des FIRI-Projekts entwickelten Protokolle, Praktiken und Methoden (PPMs) vor (erfahren Sie mehr über die Entwicklung der PPMs). Kurz gesagt vereinen sie Leitprinzipien (Protokolle), mit dem, was wir tun (Praktiken), und wie wir es tun (Methoden), um eine gerechtere, beziehungsorientierte und inklusive transformative Zusammenarbeit zu fördern.


Wir regten dann die Teilnehmenden dazu an, unsere PPMs auf die Projekte anzuwenden, die sie gerade untersucht hatten. Zu diesem Zweck wählte jede Gruppe eine Praxis aus, die für ihren Fall besonders wichtig, dringlich oder interessant erschien, zum Beispiel die gemeinsame Entwicklung von Forschungsfragen zum ILK über den Ayahuasca-Gebrauch in der westlichen Medizin zusammen mit indigenen Gemeinschaften, die Ayahuasca-Rituale praktizieren. Anschließend betrachteten die Teilnehmenden die mit dieser Praxis verbundenen Methoden und ordneten sie auf einer „Möglichkeit–Wichtigkeit“-Matrix ein. Auf der einen Achse wurde gefragt, wie wichtig eine Methode für ihr Projekt wäre, während auf der anderen Achse gefragt wurde, wie möglich oder machbar die Umsetzung in ihrem jeweiligen Kontext wäre.

Diese Übung machte deutlich, dass die meisten Methoden als wichtig bis sehr wichtig eingestuft wurden. Dies veranlasste uns, die Formulierungen in der Matrix anzupassen, um die Wichtigkeit besser widerzuspiegeln, und inspirierte uns zudem dazu, zu betonen, dass nichts wirklich unmöglich ist, wenn Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten (Abb. 1).



Abbildung 1. Ursprüngliche „Möglich-Wichtig“-Matrix (links) und angepasste Matrix auf Grundlage des Workshop-Feedbacks (rechts).


Auch wenn alle Gruppen mehr Zeit und Übung gebraucht hätten, um sich mit den zahlreichen Praktiken und Methoden vertraut zu machen, erwies sich das Durchdenken und Diskutieren konkreter Beispiele anhand dieser Matrix als nützliches Instrument und als Ausgangspunkt für den Übergang von allgemeinen Grundsätzen hin zu konkreten Methodenentscheidungen, die in Forschungsprojekten angewendet werden können. Es ermutigte die Gruppen, nicht nur zu fragen: „Was würden wir im Idealfall gerne anders machen?“, sondern auch: „Was könnten wir realistisch gesehen ändern, was würde möglicherweise mehr Aufwand erfordern und welche Bedingungen oder Machtverhältnisse müssten sich ändern, um wichtige Praktiken zu ermöglichen?“


Lernen durch Austausch

Die Reflexionen der Teilnehmenden am Ende des Workshops hoben sowohl das Potenzial als auch die Herausforderungen dieses Prozesses hervor. Mehrere Teilnehmende merkten an, dass sie mehr Zeit gebraucht hätten, um sich mit den PPMs vertraut zu machen und umfassend zu ergründen, wie die verschiedenen Praktiken und Methoden in ihren eigenen Kontexten angewendet werden könnten. Die sinnvolle Anwendung solcher Ansätze braucht Zeit. Sich mit ihnen vertraut zu machen, sie an ein bestimmtes Projekt anzupassen und etablierte Arbeitsweisen zu hinterfragen, erfordert Aufwand und Zeit, die innerhalb der Projekte eingeplant werden müssen.


Gleichzeitig schätzten die Teilnehmenden es besonders, mit konkreten Beispielen aus ihren eigenen Projekten zu arbeiten und durch Diskussionen mit Menschen zu lernen, die unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen einbrachten. Die Kombination aus dem „Three Horizons“-Rahmenkonzept, dem „Two-Eyed Seeing“ und den PPMs schuf Raum, um Projekte aus vielfältigen Wissensperspektiven zu betrachten und gleichzeitig Visionen eines transformativen Wandels mit konkreten Forschungspraktiken zu verknüpfen. Der Ansatz, zunächst die eigenen Projekte der Teilnehmenden mithilfe des „Three Horizons Framework“ und des „Two-Eyed Seeing“ praxisnah zu erkunden, bevor man zur Auswahl konkreter Praktiken und Methoden übergeht, erwies sich als nützlicher Weg, um umfassendere Visionen schrittweise in praktische Massnahmen umzusetzen.


Der Workshop hat uns zudem daran erinnert, dass die Anwendung von Methoden aus unseren PPMs in unseren eigenen Workshops die Beziehungen und die Atmosphäre prägt, in der Wissen ausgetauscht wird. Die während des Workshops selbst angewandten Praktiken – darunter die Eröffnung und der Abschluss mit einem Lied oder einer Übung sowie die Schaffung von Raum für alle, sich zu äußern, durch die Verwendung eines „Talking-Sticks“– zeigten, wie scheinbar einfache Veränderungen in der Art und Weise, wie wir zusammenkommen und Wissen austauschen, die Qualität der Interaktion verändern können.


Der Workshop diente somit einem doppelten Zweck: Die Teilnehmenden experimentierten mit Ansätzen, die sie potenziell auf ihre eigene Arbeit übertragen können, während ihre Erfahrungen uns gleichzeitig halfen, die aktualisierten PPMs zu testen und zu reflektieren. Vor allem aber schuf die direkte Arbeit mit den Projekten der Teilnehmenden einen Raum für gegenseitigen Wissensaustausch – indem die durch FIRI gewonnenen Erfahrungen mit dem vielfältigen Wissen, den Fragen und den Herausforderungen, die die Teilnehmenden mitbrachten, zusammengeführt wurden.



 
 
 

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Kontakt

Dr. Sierra Deutsch

Geographies of Socio-Ecologies and Just Transformations (EcoJuST)

Space, Nature and Society

Universität Zürich
Geographisches Institut

Winterthurerstrasse 190
CH-8057 Zürich, Schweiz

© 2024 von Rethinking Human-Natures.

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